Bei einem A2-Motorrad endet das Leistungsrennen bei 35 kW. Wer sich dort absetzen will, muss deshalb an anderer Stelle gewinnen. BMW setzt bei der neuen F 450 R genau an diesem Punkt an: 48 PS treffen auf 175 Kilogramm fahrfertiges Gewicht. Rechnerisch ergibt das exakt 0,2 kW pro Kilogramm und damit jenes Verhältnis, bis zu dem die A2-Klasse reicht. Die entscheidende Zahl dieses neuen Roadsters ist folglich nicht seine Leistung, sondern seine Masse. Doch reicht ein starkes Datenblatt, um in der umkämpften Einsteigerklasse einen neuen Massstab zu setzen?
Das A2-Limit wird zur Konstruktionsaufgabe
BMW präsentierte die F 450 R am 1. Oktober als eigenständiges Naked Bike innerhalb der neuen 450er-Familie. Der bereits aus der F 450 GS bekannte Reihenzweizylinder schöpft aus exakt 420 Kubikzentimetern 35 kW beziehungsweise 48 PS bei 8.750 Touren und 43 Newtonmeter bei 6.750 Touren. Nach Angaben in der offiziellen Pressemappe liegen 80 Prozent des maximalen Drehmoments bereits bei 3.000 Touren an. Ein 135-Grad-Hubzapfenversatz und eine Ausgleichswelle sollen Laufkultur und einen eigenständigen Charakter verbinden.
Diese Zahlen erzählen eine klare Geschichte. BMW versucht nicht, einen kleinen Motor über spektakuläre Drehzahlen interessant zu machen, sondern verspricht früh verfügbaren Schub bei möglichst wenig Fahrzeugmasse. Der 14-Liter-Tank und ein angegebener Verbrauch von 3,8 Litern je 100 Kilometer ergeben laut Hersteller mehr als 350 Kilometer Reichweite. Das ist kein Fahrtestwert und hängt in der Praxis stark vom Einsatz ab. Es zeigt aber, dass die Gewichtsoptimierung nicht mit einem winzigen Tank erkauft wurde.
Mehr als eine entkleidete GS
Der Motor und das Grundkonzept stammen aus der F 450 GS, die R wurde jedoch nicht einfach von ihrer Verkleidung befreit. BMW stimmt den Antrieb auf Strassenbetrieb ab, verkürzt die Geometrie und setzt auf 17-Zoll-Gussräder mit Reifen in 110/70 vorn und 150/60 hinten. Im Stahlrohrrahmen übernimmt der Zweizylinder eine tragende Funktion. Die Hinterradführung besteht aus einer Aluminium-Hohlgussschwinge und einem direkt angelenkten KYB-Federbein.
Vorn arbeitet eine 43-Millimeter-Upside-down-Gabel von KYB mit 140 Millimetern Federweg. In den höher ausgestatteten Varianten lässt sie sich in Zug- und Druckstufe anpassen; hinten sind Federvorspannung und Zugstufe einstellbar. Damit trennt BMW Alltag und sportlichen Anspruch nicht über zwei verschiedene Modelle, sondern über die Ausstattung. Das kann sinnvoll sein, birgt aber eine redaktionell wichtige Einschränkung: Die beworbene Sportabstimmung gehört nicht automatisch zur günstigsten F 450 R.
Die Kupplung wird zur Wahlmöglichkeit
Technisch ungewöhnlicher als Motor oder Fahrwerk ist die optionale Easy Ride Clutch. Die Fliehkraftkupplung verbindet und trennt den Kraftschluss abhängig von der Drehzahl. In Kombination mit dem Schaltassistenten Pro kann der Fahrer anfahren, anhalten sowie hoch- und herunterschalten, ohne den Kupplungshebel zu benutzen. Der Hebel bleibt trotzdem montiert und kann bewusst eingesetzt werden. Im Schubbetrieb bleibt die Kupplung laut BMW geschlossen, sodass die Motorbremswirkung erhalten bleibt.
Das unterscheidet das System von einem Automatikgetriebe. Die F 450 R behält ihr Sechsganggetriebe und die klassische Schaltlogik; automatisiert wird nur jener Teil, der im Stop-and-go oder beim langsamen Manövrieren häufig Unsicherheit erzeugt. Für Einsteiger senkt das die Bedienhürde, ohne die mechanische Verbindung vollständig zu verstecken. Gleichzeitig bleibt offen, wie fein die Kupplung beim millimetergenauen Rangieren oder am Berg dosiert. Ohne unabhängigen Fahrtest wäre jede weitergehende Bewertung Spekulation.
Die Basis ist ungewöhnlich vollständig
Schon die Grundausstattung zeigt, dass BMW die 450er nicht als Sparmodell positioniert. Drei Fahrmodi, schräglagenfähiges ABS Pro, dynamische Traktionskontrolle, Motorbremsmomentregelung und Dynamic Brake Control gehören laut Hersteller zum Serienumfang. Dazu kommen LED-Licht, ein 6,5-Zoll-TFT mit Smartphone-Anbindung, USB-C-Anschluss und auf der Schweizer Modellseite aufgeführte Heizgriffe. Eine schwimmend gelagerte 310-Millimeter-Scheibe mit radialem Brembo-Vierkolben-Festsattel übernimmt die Verzögerung vorn.
Der Schweizer Listenpreis beginnt bei 6.750 Franken inklusive Mehrwertsteuer, ab Werk und ohne Überführungskosten. Das sind 910 Franken weniger als für die auf derselben Plattform basierende F 450 GS. Der Vergleich ist nicht vollständig, weil Konzept und Serienausstattung voneinander abweichen. Er zeigt aber, dass BMW den Roadster nicht als teuren Ableger über der GS platziert, sondern als preislich eigenständigen Einstieg in die F-Baureihe.
Die Varianten ziehen eine klare Grenze
Beim Grundpreis ist allerdings genaues Hinsehen nötig. Der Schaltassistent Pro und das einstellbare Sportfahrwerk beginnen erst mit der Variante Exclusive. M Sport ergänzt unter anderem den frei konfigurierbaren Fahrmodus Dynamic Pro und zusätzliche Anzeigen. Die Easy Ride Clutch gehört zum Innovationspaket für M Sport, lässt sich laut BMW aber auch bei den übrigen Varianten nachrüsten. Preise für diese Aufwertungen nennt die geprüfte Schweizer Modellseite derzeit nicht.
Damit folgt BMW einer vertrauten Strategie: Ein attraktiver Einstiegspreis öffnet die Tür, die technisch spannendsten Merkmale liegen weiter oben in der Konfiguration. Das ist legitim, darf aber nicht verwischt werden. Wer die F 450 R wegen einstellbarer Gabel, Kupplungsautomatik und Schaltassistent kauft, sollte nicht den Basispreis als Massstab verwenden. Umgekehrt bleibt schon das Grundmodell mit seinem Sicherheitspaket, TFT und niedrigen 790 Millimetern Sitzhöhe bemerkenswert vollständig.
175 Kilogramm verändern die Prioritäten
Ob die F 450 R tatsächlich zum A2-Massstab wird, kann erst ein Vergleich auf der Strasse klären. Ein niedriges Gewicht garantiert weder gutes Ansprechverhalten noch eine gelungene Abstimmung. Es verbessert aber die Ausgangslage bei fast jeder alltäglichen Aufgabe: rangieren, wenden, verzögern und Richtung wechseln. Gerade für neue Fahrer kann weniger Masse mehr Vertrauen schaffen als zusätzliche Elektronik.
BMWs wichtigste Entscheidung war deshalb, die 48 PS nicht mit Grösse und Prestige zu überladen. Die F 450 R schöpft die A2-Regeln mathematisch aus, bleibt mit 175 Kilogramm und 790 Millimetern Sitzhöhe aber bewusst zugänglich. Ihre eigentliche Innovation ist nicht die maximale Leistung, sondern die Konsequenz, mit der jedes Kilogramm dieser Leistung dienen soll. Hält das Fahrwerk dieses Versprechen, könnte der neue Roadster zeigen, dass „Premium“ in der Einsteigerklasse nicht mehr Gewicht und mehr Hubraum bedeuten muss, sondern bessere Prioritäten.




