Die BMW GS ist seit Jahrzehnten mehr als ein Motorrad: Sie ist ein Versprechen. Ein Versprechen auf große Reisen, abgelegene Pässe, Schotterpisten und den Komfort, nach einem langen Tag im Sattel nicht völlig erschöpft abzusteigen. Mit der R 1300 GS hat BMW dieses Rezept grundlegend überarbeitet. Weniger Gewicht, mehr Leistung, ein kompakterer Boxer und ein Fahrwerk, das Technikfans ebenso begeistert wie Kilometerfresser – die neue GS will nicht nur die bekannte Klasse verteidigen. Sie will sie neu definieren.
Doch kann ein Motorrad, das so stark auf Elektronik, Leistung und Vielseitigkeit setzt, noch das bodenständige Fernreisemotorrad sein, das GS-Fahrer lieben? Die Antwort fällt erstaunlich eindeutig aus: Die R 1300 GS ist moderner, sportlicher und ambitionierter geworden, ohne ihre zentrale Stärke zu vergessen – überall hinzufahren, wo die Straße aufhört oder der Horizont beginnt.
Ein Boxer mit deutlich mehr Nachdruck
Im Mittelpunkt steht natürlich der neue Zweizylinder-Boxer. Mit 1.300 Kubikzentimetern Hubraum leistet er rund 145 PS und entwickelt ein maximales Drehmoment von 149 Nm. Damit ist die R 1300 GS spürbar kräftiger als ihre Vorgängerin. Entscheidend ist aber nicht allein die Zahl auf dem Papier, sondern die Art, wie der Motor seine Kraft bereitstellt.
Schon aus niedrigen Drehzahlen schiebt der Boxer energisch an. Beim Herausbeschleunigen aus engen Kehren, beim Überholen auf der Landstraße oder mit voll beladenem Motorrad auf einer Passstraße bleibt stets genug Reserve. Gleichzeitig dreht der Motor freier und williger hoch als viele traditionelle GS-Piloten zunächst erwarten würden. Die neue Generation fühlt sich damit weniger wie ein schwerer Reisedampfer an und eher wie eine erstaunlich athletische Reiseenduro.
BMW hat den Boxer kompakter konstruiert und das Getriebe unter dem Motor platziert. Das spart Bauraum und hilft bei der Zentralisierung der Massen. Der Kardanantrieb bleibt selbstverständlich an Bord – für Tourenfahrer ein echter Vorteil. Keine Kette schmieren, keine Kettenspannung kontrollieren, kein zusätzlicher Pflegeaufwand nach langen Regentagen oder staubigen Etappen.
Die R 1300 GS verbindet die entspannte Souveränität eines großen Tourers mit dem spontanen Antritt eines deutlich sportlicheren Motorrads.
Weniger Gewicht, mehr Handlichkeit
Eine der wichtigsten Botschaften der neuen R 1300 GS lautet: Abspecken. BMW hat gegenüber der R 1250 GS spürbar Gewicht eingespart. Je nach Ausführung liegt die Maschine fahrfertig bei etwa 237 Kilogramm – für eine großvolumige Reiseenduro mit Kardanantrieb, großem Tank und umfangreicher Elektronik ein respektabler Wert.
Auf dem Datenblatt ist das bemerkenswert, auf der Straße ist es noch wichtiger. Die GS wirkt beim Rangieren, beim Einlenken und bei schnellen Wechselkurven kompakter, als ihre bullige Erscheinung vermuten lässt. Der breite Lenker liefert viel Hebel, die Sitzposition ist aufrecht und kontrolliert, und das Vorderrad vermittelt im normalen Straßenbetrieb ein solides Gefühl für Grip und Richtung.
Besonders auf kurvigen Landstraßen zeigt sich der Charakterwandel. Wo ältere GS-Generationen eher mit Gelassenheit und Stabilität überzeugten, fährt die R 1300 GS deutlich aktiver. Sie lässt sich präzise in Schräglage bringen, hält ihre Linie sauber und bleibt auch bei sportlichem Tempo erstaunlich ruhig. Das macht sie für ambitionierte Fahrer interessant, ohne Einsteiger oder Langstreckenfahrer zu überfordern.
Neues Fahrwerkskonzept: Komfort trifft Kontrolle
BMW verabschiedet sich bei der R 1300 GS vom bekannten Telelever-Konzept in seiner bisherigen Form und setzt auf eine weiterentwickelte Vorderradführung mit neuem Rahmenkonzept. Der Stahlblech-Hauptrahmen und das Heck aus Aluminium sollen Steifigkeit, Bauraum und Gewichtsverteilung verbessern. Das Ergebnis ist ein Motorrad, das auf der Straße sehr direkt reagiert und dennoch jene Stabilität bietet, die man auf schnellen Autobahnetappen erwartet.
Je nach Ausstattung steht das elektronische Fahrwerk Dynamic ESA zur Verfügung. Es passt die Dämpfung an Fahrsituation und Beladung an und erleichtert damit den Alltag erheblich. Wer morgens allein zur Arbeit fährt, am Nachmittag mit Sozius unterwegs ist und am Wochenende mit Koffern zur Alpentour aufbricht, muss nicht jedes Mal mit Werkzeug und Handbuch an den Federelementen hantieren.
Besonders spannend ist die optionale Fahrwerkstechnik mit automatischer Niveauregulierung und variabler Fahrzeughöhe. Sie kann das Auf- und Absteigen erleichtern und bietet kleineren Fahrern mehr Sicherheit beim Halt an der Ampel. Im Gelände oder bei zügiger Fahrt bleibt zugleich ausreichend Bodenfreiheit erhalten. Das ist keine Spielerei, sondern ein praxisnaher Fortschritt für ein Motorrad, das unterschiedlichste Körpergrößen und Einsatzzwecke bedienen soll.
Die wichtigsten elektronischen Helfer
- Fahrmodi für Straße, Regen und dynamischere Einsätze
- Kurven-ABS für kontrolliertes Bremsen auch in Schräglage
- Traktionskontrolle für wechselnde Gripverhältnisse
- Motor-Schleppmomentregelung zur Stabilisierung beim harten Herunterschalten
- Elektronische Fahrwerksanpassung je nach Ausstattung
- Riding Assistant mit Assistenzfunktionen wie Abstandsregelung, abhängig von Markt und Paket
Tourenkomfort ohne behäbige Attitüde
Wer eine GS kauft, plant selten nur die Sonntagsrunde zum Eiscafé. Deshalb muss sie Gepäck, Autobahn, Regen, schlechte Straßen und lange Tagesetappen souverän meistern. Genau hier bleibt die R 1300 GS ihrer Herkunft treu. Die Ergonomie ist typisch GS: aufrecht, entspannt und mit guter Übersicht. Die Sitzbank, Lenkerposition und Fußrastenanordnung sind auf lange Distanzen ausgelegt, während unterschiedliche Sitzhöhen und Zubehörlösungen eine individuelle Anpassung ermöglichen.
Das Windschild lässt sich verstellen und bietet einen brauchbaren Schutz für Oberkörper und Helm. Wer regelmäßig Autobahn fährt oder in kälteren Regionen unterwegs ist, wird dennoch die höheren Tourenscheiben aus dem Zubehörprogramm prüfen wollen. Die serienmäßige Lösung ist auf einen Kompromiss aus Schutz, Sicht und sportlicher Optik ausgelegt – nicht auf maximale Abschottung.
Das 6,5-Zoll-TFT-Display gehört weiterhin zu den gelungensten Cockpits der Klasse. Es ist klar ablesbar, logisch strukturiert und lässt sich mit Smartphone, Navigation und Kommunikationssystemen vernetzen. Dazu kommen Heizgriffe, Tempomat, Reifendruckkontrolle und zahlreiche Optionen, die aus der GS entweder einen komfortablen Fernreisebegleiter oder eine ausgesprochen sportliche Allroad-Maschine machen können.
Gelände: Mehr als nur Schotter-Optik
Natürlich wird ein großer Teil der R 1300 GS sein Leben auf Asphalt verbringen. Das ist keine Kritik, sondern Realität – und genau dort ist sie hervorragend. Dennoch sollte man ihre Offroad-Fähigkeiten nicht unterschätzen. Mit passenden Reifen, robustem Unterfahrschutz, Motorschutzbügeln und dem entsprechenden Fahrmodus nimmt sie Schotterstraßen, ausgewaschene Wege und leichte bis mittlere Geländepassagen sehr ernst.
Die breite Ergonomie hilft beim Fahren im Stehen, der Boxer liefert kontrollierbaren Druck aus dem Drehzahlkeller, und die Elektronik lässt sich für lose Untergründe sinnvoll anpassen. Wer allerdings regelmäßig tiefen Sand, steile Geröllauffahrten oder technisch anspruchsvolle Endurostrecken sucht, wird mit einer leichteren Einzylinder- oder Mittelklasse-Enduro glücklicher. Die R 1300 GS bleibt trotz aller Fortschritte ein großes, leistungsstarkes Reisemotorrad – kein Sportgerät für extremes Gelände.
Für wen ist die R 1300 GS gemacht?
Die BMW R 1300 GS richtet sich an Fahrer, die nicht zwischen Sporttourer, Reiseenduro und Alltagsmotorrad wählen wollen. Sie passt zu Paaren mit Fernweh, zu Solofahrern mit großem Kurvenhunger und zu Abenteurern, die auch abseits des Asphalts nicht sofort umdrehen möchten. Besonders überzeugend ist ihre enorme Bandbreite.
- Sie fährt entspannt auf langen Autobahnetappen.
- Sie begeistert auf verwinkelten Landstraßen mit erstaunlicher Dynamik.
- Sie kann mit Gepäck und Sozius souverän umgehen.
- Sie bleibt auf Schotter und schlechten Wegen handlungsfähig.
- Sie bietet eine Ausstattungstiefe, die kaum Wünsche offenlässt.
Kritikpunkte: Preis, Komplexität und Charakterfrage
Wo viel Technik ist, steigen allerdings auch Preis und Komplexität. Bereits die Basisversion bewegt sich im gehobenen Segment; mit Komfort-, Touring-, Dynamik- und Assistenzpaketen kann der Kaufpreis schnell deutlich anwachsen. Wer Koffer, Navigationslösung, Schutzteile und hochwertiges Zubehör ergänzt, erreicht Regionen, in denen auch ein kleiner Gebrauchtwagen zu haben wäre.
Hinzu kommt: Nicht jeder Fahrer wird die Fülle elektronischer Einstellmöglichkeiten lieben. Die GS verlangt zwar keine Ingenieursausbildung, aber wer das volle Potenzial von Fahrmodi, Dämpfung, Fahrzeughöhe und Assistenzsystemen nutzen möchte, sollte sich mit dem Menü beschäftigen. Puristen mögen darin einen Verlust an Einfachheit sehen. Andere werden gerade diese Anpassbarkeit als modernen Luxus empfinden.
Auch optisch polarisiert die R 1300 GS. Sie wirkt kompakter und kantiger als die R 1250 GS, verliert dabei aber ein wenig von deren vertrauter, fast majestätischer Präsenz. Das ist Geschmackssache. Technisch spricht die neue Formensprache jedoch eine klare Sprache: mehr Konzentration, weniger Überhang, mehr Dynamik.
Fazit: Der Thron bleibt in Bayern
Die BMW R 1300 GS ist keine vorsichtige Modellpflege. Sie ist ein mutiger Schritt nach vorn. Der neue Boxer liefert beeindruckenden Schub, das niedrigere Gewicht verbessert die Handlichkeit spürbar, und die Fahrwerks- sowie Assistenztechnik hebt Komfort und Sicherheit auf ein sehr hohes Niveau.
Sie ist teuer, komplex und sicher nicht die richtige Wahl für Minimalisten. Aber für Motorradfahrer, die mit einem einzigen Motorrad möglichst viele Wünsche erfüllen wollen, setzt sie derzeit einen der stärksten Maßstäbe im Segment. Die R 1300 GS ist schneller, leichter, intelligenter und vielseitiger als zuvor. Ob sie für jeden der neue König der Tourer ist, entscheidet letztlich der persönliche Geschmack. Doch der Anspruch auf den Thron ist mehr als berechtigt.

