Ein Elektromotorrad bekommt einen kleineren Akku – und der Hersteller nennt das Fortschritt. Bei der neuen Epure Factor-e 2027 ist dieser scheinbare Widerspruch der Schlüssel zum ganzen Motorrad. Electric Motion ersetzt die bisherigen Akkus mit 1,8 und 2,5 kWh durch ein einziges 2,0-kWh-Hochvoltmodul. Gleichzeitig sinkt das angegebene Gesamtgewicht auf 73 Kilogramm. Ist weniger Kapazität beim elektrischen Trial tatsächlich mehr?
Der Akku schrumpft mit Absicht
Electric Motion nennt für die neue Batterie 64,8 Volt, 2.000 Wh und elf Kilogramm. Das bisherige Modell arbeitete laut der weiterhin erreichbaren Herstellerseite der Factor-e 2026 mit 50,4 Volt und wahlweise 1.800 oder 2.500 Wh. Die neue Lösung liegt bei der Energie also genau zwischen den alten Varianten, erhöht aber die Systemspannung deutlich.
Nach Angaben von Electric Motion soll der Antrieb dadurch seine volle Leistung länger halten, wenn der Ladezustand fällt. Ein Magnesiumgehäuse soll zugleich Gewicht sparen, die Steifigkeit erhöhen und den Akku besser ins Chassis einbinden. Die offizielle Modellseite nennt bis zu 3,5 Stunden Fahrzeit. Für das Vorgängermodell standen bis zu vier Stunden im Datenblatt. Diese Angaben bleiben Nutzungswerte des Herstellers, keine unabhängigen Reichweitenmessungen; im Trial hängen sie besonders stark von Gelände, Leistungsabruf und Fahrstil ab.
Beim Trial zählt Masse mehr als Distanz
Auf einem Reisemotorrad wäre eine kleinere Batterie schwer zu erklären. Eine Trialmaschine folgt einer anderen Logik. Sie muss auf engstem Raum versetzt, über Stufen gehoben und im Stand präzise ausbalanciert werden. Jedes Kilogramm sitzt bei Richtungswechseln und Sprüngen mit auf dem Motorrad. Deshalb kann ein kompakterer Energiespeicher mehr Nutzen stiften als zusätzliche Kilometer, die in einer typischen Sektion gar nicht gebraucht werden.
Die 73 Kilogramm der 2027er Factor-e sind dabei sorgfältig einzuordnen. Electric Motion führte bisher eine leichtere 1,8-kWh- und eine schwerere 2,5-kWh-Batterie; die alte Modellseite nennt an prominenter Stelle 75 Kilogramm, weist aber zugleich auf zwei Kilogramm Gewichtsvorteil des kleinen Akkus hin. Der neue Wert beweist deshalb nicht, dass jede bisherige Konfiguration zwei Kilogramm schwerer war. Er zeigt vielmehr, dass Electric Motion nun eine einheitliche Kapazität mit dem Gewichtsniveau einer besonders leichten Ausführung verbindet.
Hochspannung statt grosser Reserve
Der technische Gewinn liegt nicht allein in Kilowattstunden. Höhere Spannung erlaubt bei gleicher Leistung einen geringeren Strom. Das kann elektrische Verluste und thermische Belastung reduzieren, sofern Leistungselektronik, Verkabelung und Zellchemie darauf abgestimmt sind. Electric Motion veröffentlicht dazu keine detaillierten Wirkungsgradkurven. Die begründete redaktionelle Einschätzung lautet dennoch: Der Schritt auf 64,8 Volt zielt weniger auf eine spektakuläre Spitzenzahl als auf konstantere Leistungsabgabe und bessere Integration.
Der Motor selbst bleibt bekannt. Electric Motion nennt 5 kW Nenn- und 18 kW Spitzenleistung sowie bis zu 14.000/min. Die häufig zitierte Zahl von 1.400 Nm gilt ausdrücklich im ersten Gang nach der Übersetzung. Sie ist kein direkt mit dem Motordrehmoment eines Strassenmotorrads vergleichbarer Wert. Wer daraus eine absurde Beschleunigungsüberlegenheit ableitet, vermischt Radmoment, Übersetzung und Motormoment.
Ein neues Motorrad um den bekannten Antrieb
Trotz des übernommenen Motors ist die Factor-e 2027 mehr als eine neue Batterie. Electric Motion beschreibt ein vollständig neues Chassis mit stärkerer Massenzentralisierung und zusätzlichen Aluminium-Verbindungsstreben. Der Radstand sinkt gegenüber den veröffentlichten 2026er Daten von 1.325 auf 1.320 Millimeter, die Fussrastenhöhe von 360 auf 350 Millimeter. Gleichzeitig steigt die angegebene Sitzhöhe von 670 auf 687 Millimeter. Einzelne Millimeterwerte sagen noch nichts über das Fahrgefühl, belegen aber, dass Geometrie und Fahrerposition neu abgestimmt wurden.
Die Gabelbrücke lässt sich nun in vier Positionen an Körpergrösse und Vorlieben anpassen. Schlankere Verkleidungsteile sollen mehr Bewegungsfreiheit schaffen. Ein neues TFT-Display sitzt im Chassis und bietet einen Trial-Modus mit Sektions-Timer. Gerade dieser Timer wirkt unscheinbar, trifft aber den Wettbewerbseinsatz präziser als ein weiterer bunter Fahrmodus: Während einer Sektion bleibt die verbleibende Zeit direkt sichtbar.
Vier Gänge bleiben der Gegenentwurf
Electric Motion behält das ungewöhnliche Vierganggetriebe und die hydraulische Dreischeiben-Membrankupplung. Damit entfernt sich die Factor-e bewusst von der Idee, ein Elektroantrieb müsse mechanisch möglichst simpel sein. Der erste Gang dient langsamen technischen Passagen, der zweite natürlichem Gelände, der dritte gemischtem Einsatz und der vierte längeren Verbindungen. Für 2027 verspricht der Hersteller schnellere und weichere Gangwechsel.
Das ist keine nostalgische Spielerei. Im Trial dosiert die Kupplung den Kraftaufbau vor Hindernissen, während unterschiedliche Übersetzungen Reaktion und Effizienz an die Aufgabe anpassen. Der Elektroantrieb liefert sofort Drehmoment; Kupplung und Getriebe machen daraus ein Werkzeug, das sich für einen präzisen Impuls vorspannen lässt. Gerade diese Verbindung erklärt, warum die Factor-e nicht einfach ein Elektromotor in einem leichten Rahmen ist.
Der Reichweitenkompromiss bleibt sichtbar
Die kleinere Batterie löst das Reichweitenthema nicht auf. Electric Motion begegnet ihm mit einem Tauschsystem: Der Akku soll in weniger als 60 Sekunden entnehmbar sein, zwei Module stellen zusammen 4,0 kWh bereit. Zusätzlich kündigt der Hersteller ein Mietprogramm für Zweitakkus an. Details zu Preis, Ländern und Bedingungen nennt die Modellseite bislang nicht. Auch Preis und konkreter Liefertermin des Motorrads sind dort noch offen.
Damit fällt die Antwort auf die Ausgangsfrage klar aus. Weniger Akkukapazität ist hier kein universeller Fortschritt, aber eine schlüssige Trial-Entscheidung. Electric Motion opfert einen Teil der maximal genannten Fahrzeit zugunsten eines leichter integrierbaren Hochvoltsystems, ergänzt durch schnellen Tausch statt dauerhaft mitgeführter Reserve. Entscheidend wird sein, ob die versprochene Leistungsstabilität unter niedriger Ladung und die neue Balance im realen Einsatz überzeugen. Auf dem Papier ist die Factor-e 2027 jedenfalls nicht trotz, sondern wegen ihres kleineren Akkus konsequenter geworden.



